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Ein Beispiel aus dem Alltag
Lena (17) sitzt in der Schultoilette, die Tür verriegelt, der Herzschlag bis zum Hals. In der Hand ein spitzer Gegenstand kein Plan, kein Abschiedsbrief, nur dieser eine Gedanke: Bitte, lass es aufhören. Der Druck im Kopf, das Rauschen, die Taubheit weg. Für einen Moment. Dann die Scham. Die Angst, dass jemand die Striche sieht. Die Lüge beim Sportunterricht: „Katze gekratzt.“ Lena ist keine Ausnahme. Studien zeigen: 15 bis 20 Prozent aller Jugendlichen verletzen sich mindestens einmal selbst. Die meisten tun es nicht, um zu sterben sondern um zu überleben.
Was SVV wirklich ist – und was es nicht ist
Selbstverletzendes Verhalten (SVV) meint: sich absichtlich Gewebe schädigen ritzen, brennen, schlagen, sich die Haare ausreißen ohne suizidale Absicht. Der medizinische Begriff: nicht-suizidales Selbstverletzen (NSSI). Wichtig: SVV ist keine Diagnose, sondern ein Symptom. Ein Signal. Ein Notruf in einer Sprache, die wehtut. Wer ritzt, will meist nicht sterben. Wer ritzt, will fühlen. Oder aufhören zu fühlen. Den Unterschied zu kennen, rettet Leben weil er Panik durch Verständnis ersetzt.
Warum Jugendliche sich verletzen: Die vier häufigsten Funktionen
Forschung (z. B. Klonsky & Glenn, 2009) zeigt vier Hauptgründe oft mischt sich was:
- Emotionsregulation: Der Schmerz außen dämpft den Schmerz innen. Wut, Panik, Leere werden kurz „schaltbar“.
- Anti-Dissoziation: Sich selbst spüren, wenn man sich verloren hat. „Ich bin noch da.“
- Selbstbestrafung: „Ich verdien das.“ Scham wird körperlich beglichen.
- Kommunikation: Wenn Worte fehlen. „Seht mich. Ich schaff das nicht allein.“
Keiner dieser Gründe ist „Manipulation“. Alle sind Versuche, ein unerträgliches Inneres handhabbar zu machen.
Wie du als Freund:in, Elternteil oder Bezugsperson *richtig* reagierst
Nicht hilfreich: „Hör auf damit!“ – „Das ist doch nur Phase.“ – „Denk an deine Eltern.“ – Narben zählen, kontrollieren, verbieten. Das verstärkt Scham und Isolation.
Hilfreich: Ruhe bewahren. Nicht dramatisieren, nicht bagatellisieren. Sagen: „Ich sehe dich. Ich mache mir Sorgen. Was brauchst du gerade? Ich bleib da.“ Keine Ultimaten. Keine Diagnosen. Stattdessen: niedrigschwellige Angebote nennen. Nummer gegen Kummer: 116 111 (kostenlos, anonym). bke-Jugendberatung: bke-jugendberatung.de (Chat/Mail). onlinesocialworker.de: anonym, kein Termin, einfach schreiben.
Wenn du Elternteil bist: Arzt/Ärztin oder Therapeut:in suchen, aber nicht ohne das Kind. Zwang bricht Vertrauen.
Wege raus: Wie Betroffene aufhören ohne Druck, mit Begleitung
Aufhören klappt nicht per Vorsatz. Es klappt über Alternativen lernen: Skills aus der DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) Eiswürfel in der Hand halten, Gummiband am Handgelenk schnippen, kaltes Wasser ins Gesicht, laute Musik, Sport, Tagebuch. Was hilft, ist individuell. Wichtig: Nicht allein üben. Therapie (KJP, Verhaltenstherapie, DBT) gibt Werkzeug und Begleitung. Viele, die geritzt haben, hören irgendwann auf weil sie gelernt haben, ihre Gefühle anders zu regulieren. Du kannst das auch.